Reisebericht Toskana

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Kunst, Kultur und Lebensfreude

Woran erkennt der Reisende, dass er in Italien angekommen ist?

09.10. - 15.10.2016

Reisebericht

 Daran, dass zumindest jeder zweite Taxifahrer am Flughafen von Florenz selbst bei Nieselregen und bedecktem Himmel noch eine Sonnenbrille trägt! Davon konnten sich jüngst die Teilnehmer einer KN/SZ-Leserreise in die Toskana überzeugen.

Wohl kaum ist über eine andere Region Mittelitaliens so viel geschrieben worden wie über diese hügelige Landschaft mit ihren Pinien, Zypressen, Olivenbäumen und Weinreben. Eingebettet darin liegen mittelalterliche Städtchen wie Lucca (neuzeitlich bekannt durch seine Comic Messe),  das Alabaster-Städtchen Volterra oder mondäne Badeorte wie Viareggio, wo 1958 die Filmschauspielerin Elke Sommer in den Ferien zur Miss des Ortes gewählt und vom Filmproduzenten Vittorio de Sica entdeckt wurde. Unbestrittene Metropole ist das elegante und teure Florenz mit seinen Schuhgeschäften, Edelboutiquen, Restaurants und weltberühmten Renaissance-Bauten. Über den Arno spannt sich die älteste Segmentbogen-Brücke der Welt, der Ponte Vecchio. Ein Juwelierladen neben dem anderen buhlt hier um zahlungskräftige Kundschaft. Ein Paradies für Damen und die Hölle für Herren, witzeln die Florentiner.

Architektonische Meisterwerke begegnen dem Besucher überall in der Toskana. Gedruckte Reise- und kenntnisreiche Stadtführer sprudeln vor Jahreszahlen, Superlativen, Maßen und Materialien förmlich über. Unter dem Status einer Basilika oder einem Dom scheint es hier kaum Kirchen zu geben; verbunden mit Namen, die zu den bedeutendsten der europäischen Kunstgeschichte zählen: der Maler und Bildhauer Michelangelo, der Dichter Dante Alighieri, das Allround-Genie Galileo Galilei, der Baumeister Leonardo da Vinci oder der Komponist Giacomo Puccini, um nur einige zu nennen.

Eine Fahrt durch die Toskana ist daher immer auch eine Tour durch viel Kultur. Selbst an trüben Herbsttagen, wenn die Marmorberge der Apuanischen Alpen unter dunklen Wolken am Horizont dräuen und die bagni  (Seebäder) an der Versilia-Küste mit ihrer  kilometerlangen Promenade zum Großteil schon geschlossen sind.

Die traditionsreiche Nannini-Konditorei in Siena hat dagegen auch dann noch geöffnet. Die Tochter des Hauses, die italienische Rocksängerin Gianna Nannini, sucht man allerdings vergeblich zwischen Amarettini (Gebäckstücke mit Aprikosenkernen) und Latte macchiato. Die Nanninis besitzen auch noch ein Eiscafé an der Piazza del Campo. Dort findet alljährlich im Sommer der Palio di Siena statt - ein Pferderennen, bei dem 17 Stadteile gegeneinander antreten und das zu den härtesten der Welt zählt. Für einen Logenplatz in einem der umliegenden Wohnhäuser oder davor zahlen Besucher bis zu 800 Euro und mehr. Das Gros der Zuschauer drängelt sich allerdings in der Mitte des Campo, während Jockeys und Pferde um diesen Pulk herum jagen. Der Wettkampf dauert nur wenige Minuten, aber die Einwohner debattieren tagelang über dieses Ereignis.
Statt locker durch das Ocker, die rotbraunen Farbtöne der Toskana, ging es mit Mann und Frau durch viel Grau. Vielleicht gerade deshalb schienen die bis heute keiner Renovierung bedürftigen Fresken der Libreria Piccolomini im Dom zu Siena noch intensiver zu leuchten. Freundlich schiebend bestaunen hier täglich Hunderte von Besuchern die Fassade, die Statuen und vor allem den opulenten Marmorboden voller Figuren und Muster, der selbst manchem russischen Oligarchen noch Anregungen für die Ausstattung seiner Megayacht liefern könnte.

Steinreich im wahrsten Sinne des Wortes waren auch die Familien, die im UNESCO-Erbe San Gimignano ihre prestigeträchtigen „Geschlechtertürme“ bauen ließen - je höher (bis zu 54 Meter), desto mächtiger und wohlhabender ihre Besitzer.

Der wohl berühmteste Turm der Toskana, ja ganz Italiens, steht natürlich in Pisa. Und jeder sieht sofort, dass bei der Konstruktion dieses über 14.000 Tonnen schweren Marmor-Rundlings im 12. Jahrhundert etwas schief gelaufen ist. Die Missachtung des morastigen Untergrundes erwies sich jedoch als Segen für die Stadt. Millionen von Touristen pilgern alljährlich zum Torre pendente, um sich mit ihm fotografieren zu lassen - die Hände so vor das Objektiv gehalten, als ob sie den Turm stützen würden. Ein babylonisches Sprachgewirr und die Klickorgie der Kameraverschlüsse beweisen: Der Turmbau zu Pisa ist noch in vollem Gange.

Souvenirhändler wissen das zu schätzen. Sie verhökern zwar nicht mehr den aufgedruckten Campanile im Schritt von Boxershorts (seit gut zehn Jahren verboten), aber auf T-Shirts und Schirmen lässt sich der Glockenturm immer noch an Mann und Frau bringen. Bei Ankunft der Busse für neun Euro, bei Rückkehr der Touristen für fünf und unmittelbar vor der Abfahrt für drei Euro. Ein Wunder der Marktwirtschaft an der Piazza dei Miracoli.

Wunderbar sind natürlich auch die vielen Weinhandlungen und Probierstuben (enoteca), die nicht nur die wohl berühmtesten Verschnittweine der Welt (Chianti) anbieten, sondern auch die teuersten Roten (Brunello di Montalcino) und prestigeträchtige Weiße (Vernaccia). Kombiniert mit unzähligen kleinen Feinkostläden und Restaurants wird die Toskana zu einem Schlaraffenland für Gern-Esser. Wenn auch zu keinem billigen. Aber auch bodenständige Gerichte wie Pici al cinghiale (Nudeln mit Wildschwein-Ragout) oder eine Ribollita Toscana (Gemüsesuppe) können den Besuch einer Osteria oder Trattoria zu einem Geschmackserlebnis machen. An eines müssen sich vor allem Norddeutsche allerdings gewöhnen: Selbst im Oktober, wenn die Temperaturen merklich sinken und nasskalte Luft die Menschen frösteln lässt,  kommen die Speisen häufig lauwarm auf den Teller. Dies sei üblich in der Toskana, weil es die meiste Zeit des Jahres so heiß ist, behaupten die Reiseleiter. Na ja…..

Manfred Gothsch