Reisebericht Toskana

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- erleben

Die Toskana lädt ein – zum Genießen und Erleben

Der Schleifstein surrt. Eine feine Wolke bedeckt ringsum alles mit einer weißen Schicht. Langsam entsteht aus dem hellen Brocken ein schimmerndes Kunstwerk. In der Alabasterwerkstatt ist wie eh und je alles Handarbeit. Im nahen römischen Amphitheater aus der Zeit von Kaiser Augustus wird noch gespielt. Viele der Köstlichkeiten auf dem Markt konnte der Besucher schon im Mittelalter erwerben und die Wäsche in den engen Gassen hinter den Palästen wird dort noch heute aufgehängt. Nur der Büstenhalter ist neu. 

Auf ihrem Streifzug durch die schönsten Städte der Toskana im September konnte die Gruppe der KN-Leserreisen Geschichte und Kultur hautnah erleben. Eins der Aushängeschilder ist die Stadt Volterra, die umgeben von mächtigen Mauern hoch oben auf einem Berg thront. Heute ist Markt. Während wir auf unserem Stadtspaziergang Zeugnisse aus etruskischer und römischer Herrschaft erkunden, in eine der berühmten Alabasterwerkstätten hineinschnuppern und die beeindruckenden Stadthäuser alle Epochen wiederspiegeln, verführen uns an den Marktständen ganz andere toskanische Genüsse.

Eine Spezialität zum Sattessen ist die Porchetta. Von einem knusprig gebratenen Jungschwein werden dicke Scheiben abgesäbelt und in ein Brötchen gelegt. Beim herzhaften Biss in das panini grinst uns von der Theke der Schweineschädel an. Nebenan zieht uns dagegen eine kleine waffelartige Süßigkeit mit einem einzigartigen, unverwechselbaren Anisgeschmack in ihren Bann. Die Brigidini entstanden irrtümlich in der Mitte des 16. Jh., als den Nonnen (die brigidine) im Brigitten-Kloster die Herstellung der Hostien einmal misslang und sie das Rezept abwandelten, um den Teig nicht zu verschwenden. So erzählt man sich. Heute dürfen sie auf keinem Markt oder Fest fehlen. Alle paar Meter zischt und ruckelt eine Maschine, statt per Hand werden sie heutzutage zwischen mit heißen Wasserdampf erhitzten Metalltellern im Sekundentakt frisch gepresst.

Durch le colline toscane, die abgerundeten Hügel der Toskana geht es weiter. Spitze Zypressen, die Gehöfte und Alleen säumen, breitflächige Schirmpinien, die im Hof kleine Haine bilden. „Die Zypressen-Parade dient dem Prestige. Je mehr, desto mächtiger der Besitzer. Die Pinien sollen dafür der Familie Schatten spenden“, erklärt Elena, unsere örtliche Reiseleiterin mit einem Schmunzeln.

Charakteristisch zeigt sich auch San Gimignano am Nachmittag.  Ebenfalls auf einem Hügel gelegen ist die unverwechselbare Stadtsilhouette schon von weitem zu sehen. Im Mittelalter wetteiferten reiche Kaufmannsgeschlechter miteinander um das höchste Bauwerk. Wer konnte, baute höher als der Nachbar. Von den markanten Geschlechtertürmen stehen von ursprünglich 72 immerhin noch 14. Einer kann bestiegen werden und bietet von oben einen grandiosen Rundblick. Viele ziehen an diesem warmen Septembertag die beste Eisdiele der Toskana am Marktplatz vor. Oder einfach in einem der vielen Cafés den guten Kaffee genießen.

Zu unserem Programm gehören auch zwei der kulturhistorisch wichtigsten Städte der Toskana. Florenz und Siena. Kaum vorstellbar bei dem lebhaften Getümmel, dass Siena nach seiner Blütezeit im 13. und 14. Jh. erst im 19. Jh. aus einem Dornröschenschlaf erwachte. Von der muschelförmigen und mit anmutigen Backsteinfassaden gerahmten Piazza del Campo, die als schönster Platz der Welt bezeichnet wird, gehen wir zum Dom Santa Maria Assunta. Ein gigantisches Meisterwerk der Marmorkunst sowohl von innen als auch von außen, das in der Sonne strahlend leuchtet und uns blendet. Nicht weniger überwältigend sind der Dom und die Paläste der Medici in Florenz und noch so vieles mehr. Schließlich erwarten uns hier nahezu unverfälscht erhaltene mittelalterliche Metropolen mit unzähligen beeindruckenden Baukunstwerken. Dazu unvergesslich - der Ausblick vom jenseitigen Arno-Ufer über die Dächer von Florenz…

Natürlich ist auch Pisa ein Ziel der Reise. Einst war es eine große Seemacht, mittlerweile trennen 10 km die Stadt von Meer. Davon zeugt vor allem die riesige Piazza dei Miracoli, der Platz der Wunder, mit dem Dom, der Taufkirche und dem schiefen Turm. Letzterer hat Pisa berühmt gemacht. „Seit vier Jahren steht er unverändert“, berichtet Elena stolz. Lange Jahre musste die Welt bangen, als der Turm sich immer weiter neigte. Doch mehrere bauliche Maßnahmen und 870 Tonnen Blei geben nun festen Halt. Sogar um 40 cm richtete er sich wieder auf. Keine Angst – der schiefe Turm von Pisa bleibt. Wie das Foto des Tages – im richtigen Blickwinkel lässt sich der Turm auch mit Händen stützen.         

Eine Pause von all den kulturellen Leckerbissen wird uns bei einem traditionellen toskanischen Essen auf einem Weingut geboten. Lange Tafeln im Schatten der Bäume. Serviert werden hauseigene Weine, gegrilltes, gebackenes und eingelegtes Gemüse - die Antipasti, Käse, Schinken, würzige Wildschweinwurst sowie Salat. Dazu pane sciocco. Das salzlose Brot war die Folge einer Auseinandersetzung im 12. Jh. zwischen Pisa und Florenz. Pisa lieferte damals kein Salz mehr in die Region. Aus der Not wurde eine Tugend und die knusprigen Laibe sind eine Delikatesse geworden. Insbesondere als bruschetta: dicke Weißbrotscheiben auf Holzkohlenglut geröstet, mit Knoblauch eingerieben und reichlich mit dem selbstgemachten Olivenöl beträufelt. Zum Abschluss wird ganz klassisch Grappa und Vin Santo gereicht. In den kräftigen Süßwein tauchen wir cantucci di prato – ein saugkräftiges Mandelgebäck. Eben typisch toskanisch - gut und gemütlich speisen.

Gerne wären wir noch verweilt. Doch Lucca steht noch auf dem Plan. In den reizvollen Gassen der historischen Stadt reiht sich ein schöner Laden an den anderen. Lucca ist kein Museum, sondern eine lebendige Stadt, in der es sich herrlich shoppen lässt. Das Kunsthandwerk hat in der Toskana noch hohen Stellenwert. Lucca ist bekannt für seine Lederartikel und für seinen ewigen Zwist mit Pisa. „Luccheser und Pisaner mögen sich nicht“, sagt unsere Stadtführerin Anna lachend. Zum alltäglichen Erscheinungsbild gesellen sich die Straßenhändler. Viele aus Afrika, überwiegend Senegal. Die Toskaner stört es nicht, solange jeder seine Geschäfte machen kann. „Echt“ ist da nichts, nur „Billlig, billig“.

Abends auf der Rückfahrt entlang der Bergketten des nördlichen Zentralgebietes der Toskana breitet sich vor uns die Tiefebene aus. Ehemals ein riesiges Sumpfgebiet, wurden einige Flächen erst vor ein paar Jahrzehnten trocken gelegt. In den letzten Sonnenstrahlen schlängeln sich der Arno und seine Zuflüsse wie silberne Bänder zum letzten Feuchtgebiet im Naturpark Migliarino-S. Rossore Massaciúccoli. Ein atemberaubendes Naturschauspiel. An der Küste bei Viareggio und den kilometerlangen Sandstränden versinkt die Sonne rotglühend im Meer. Und taucht unser Hotel am Lido di Camaiore in ein goldenes Licht. 

Statt Marmor und Trubel erkunden einige am nächsten Tag die Promenade des Badeortes, während das Grün der Insel Elba den Rest der KN-Leserreisegruppe lockt. Dicht bewaldete Bergketten, traumhafte Buchten und Steilküsten, hübsche Fischerorte und der längste, feine Sandstrand der Insel. Entspannung pur. Das frühe Aufstehen und die lange Anfahrt haben sich auf jeden Fall gelohnt. Als die Fähre den Hafen in Portoferraio verlässt, stehen wir noch lange begeistert an der Reling. Napoleon ist nach kurzer Zeit geflohen, wir wären gerne länger geblieben.

Tonia Körner

21.09. - 27.09.2014

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