Reisebericht Reformation

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"Die ganze Welt ist voller Wunder"

Kiel. Was für ein Mann! ...

31.07. - 04.08.2017

Reisebericht

... Er konnte mit Sprachen und Worten jonglieren. Er konnte die Seele der Menschen erreichen. Er konnte eine Frau an seiner Seite dulden, die anderen Männern viel zu selbstbewusst gewesen wäre. Er konnte so viel Mut aufbringen, dass er den Herzögen und sogar dem Teufel furchtlos seine Meinung sagte. 500 Jahre ist es her, am 31. Oktober 1517, da schlug Martin Luther 95 Thesen an die Kirchentür von Wittenberg und löste damit eine Reformation aus, die ganz Europa erfasste. Wer war dieser Luther, der damals etwas tat, das heute als „kirchliches und kulturgeschichtliches Ereignis von Weltrang“ eingestuft wird? Die Leser der Kieler Nachrichten und der Segeberger Zeitung begaben sich auf Spurensuche.

Und die Spuren, die gibt es überall in Thüringen und Sachsen-Anhalt. In Eisenach, Erfurt, Eisleben, Leipzig, Wittenberg und Torgau. Martin Luther reiste viel. Jedoch höchst selten aus eigenem Antrieb. Reisen zum Vergnügen war im 16. Jahrhundert undenkbar. Da haben die Menschen etwas verpasst. Denn mit Busfahrer Thomas Krauskopf reist es sich heutzutage ganz vorzüglich. Die blauen und gelben Blüten von Wegwarte und Rainfarn am Straßenrand begleiten die Leserreisen-Gruppe fünf Tage lang. Vergnügt geht es von einem Ziel zum nächsten.

Geboren wird Martin Luther am 10. November 1483 in Eisleben. Damals heißt seine Familie noch Luder. Doch der Name ist alles andere als schön. Steht er doch für angeschossenes Wild, das erst nach ein paar Tagen, schon in Verwesung begriffen, gefunden wird. Als erwachsener Mann legt Martin Luder den gehassten Namen ab und wird zu Martin Luther. Als 14-Jähriger besucht er aber erst einmal die Lateinschule in Eisenach, später studiert er in Erfurt, um Jurist zu werden, wie es sein Vater will. Doch der Überlieferung nach, kommt Martin Luther 1505 in ein schweres Gewitter und gelobt für seine Rettung Mönch zu werden. Historiker gehen allerdings davon aus, dass mehrere Gründe zu diesem Entschluss geführt haben. „Angeblich war er auch einer Frau versprochen, die er partout nicht heiraten wollte“, erzählt Führerin Gisela Helmreich schmunzelnd. Noch im selben Jahr tritt er in das Erfurter Augustinerkloster ein. Gekränkt verweigert sein Vater daraufhin 16 Jahre lang den Kontakt.

In Wittenberg erhält Martin Luther 1512 eine Bibelprofessur. Doch immer wieder treibt ihn die Angst um, vor Gottes Gericht nicht bestehen zu können. Erst aus dem Römerbrief schöpft er Hoffnung. Darin heißt es, dass der Mensch nicht durch seine Werke und Leistungen vor Gott besteht, sondern allein durch seinen vertrauenden Glauben. Diese Erkenntnis wird später das Herzstück der Reformation. „Wer glaubt, muss kein Strafgericht fürchten“, lernt Luther. Die damals üblichen Ablassbriefe sind ihm deshalb ein Dorn im Auge. „Einen Gulden musste man früher bei Vater- oder Muttermord zahlen“, berichtet der örtliche Führer Sven Kröber. Zum Vergleich: Eine Bibel kostet damals 3000 Gulden. „Luther war entsetzt. Denn das ist ein Freibrief zum Töten.“ Luther formuliert 95 Thesen, um darüber zu diskutieren. Doch diese Thesen pfuschen Erzbischof und Papst ins Handwerk, denen die Ablassbriefe finanziell sehr zupass kommen. Luther wird verhört, zum Schweigen verdonnert und versteckt sich schließlich auf der Wartburg.

Hier oben auf der wehrhaften Festung übersetzt er ab Mai 1521 in nur zehn Wochen das Neue Testament vom Griechischen ins Deutsche. Ein schwieriges Unterfangen, denn damals gibt es keine einheitliche deutsche Sprache. Luther verwendet die sächsische Kanzleisprache, benutzt sie aber viel farbiger und lebendiger. Dank der neuen Druckpresse geht die Luther-Übersetzung in die Welt. „Luther machte die deutsche Sprache zur Volkes Sprache“, heißt es beim Rundgang. „Und legte damit den Grundstein zur Demokratie. Er schuf eine Sprache, die jedermann verstehen und sprechen kann.“ Früher war Sprache nur eine Sprache für die Gebildeten. Und das mit Absicht: Ein sprachloses Volk begehrt nicht auf.

Unzähliges ließe sich noch über Luther und seine Frau Katharina von Bora (sie heirateten am 13. Juni 1525) berichten. Beispielsweise über ihre Flucht als Nonne zwischen Heringsfässern. Oder über seine Flüche, die auch die Obersten nicht verschonten („Der Herzog stinkt wie ein Teufelsdreck“). Oder über seine Liebe zu Speis und Trank, die einherging mit heftigen Blähungen („Ich kann dem Teufel den Hintern zeigen und ihn mit einem einzigen Furz vertreiben“). Oder über seine Bemühungen, dass die Eltern ihre Kinder zur Schule schicken („Wo die Bildung niedrig ist, da ist der Teufel groß“). Oder über seine tiefe Liebe zur Bibel („Den Reichtum der Heiligen Schrift kann niemand vollständig erfassen - auch die besten Kenner und Ausleger der Bibel bleiben Bettler“). Wie gut, dass wir in diesem Jahr 500 Jahre Reformation feiern und uns wieder mehr mit Martin Luther beschäftigen. Die Leser unserer Zeitung sind sich am Ende einig: Dieser Mann ist mehr als eine Reise wert.

Kristiane Backheuer