Reisebericht Reformation -

ZURÜCK Kontakt PDF E-Mail

"Die ganze Welt ist voller Wunder"

Auf Spurensuche

Luther, immer wieder Luther. An ihm kommt in diesem Jahr niemand vorbei.

23.08. - 27.08.2017

Reisebericht

 So ist es auch kein Wunder, dass sich schon eine zweite KN-Leserreisengruppe auf die Spuren des großen Reformators begeben hat.
 
Da taucht sie auf die Wartburg, sie soll, sie muss erstürmt werden. Hinein ins Gedränge, sich verirrend in dem Gewirr der Stellwände, hinein in die schmalen Räume, die sich nur manchmal weiten. Und doch muss es damals still gewesen sein, still in der kleinen Stube, in dem ein monumentales Werk entstand – die Übersetzung des Neuen Testaments. Vielleicht doch unterbrochen durch Selbstgespräche, oder vielleicht auch durch Wutausbrüche, dann flog das Tintenfass an die Wand und der Teufel des Zweifelns verschwand. Wie hat er das nur ausgehalten, der Junker Jörg, gefangen und versteckt, so weit weg vom Leben.

Bisweilen wird er von dort oben hinab geschaut haben in die kleine Stadt Eisenach, dort, wo er zur Schule gegangen ist, gesungen hat, um das Geld für die Unterkunft bei seinen Gasteltern zu beschaffen. Was mag da durch seinen Kopf gegangen sein, damals, als Schüler, die Welt noch offen, und jetzt ein vogelfreier Mensch, verfolgt und doch beschützt. Auf der himmelstürmenden Burg und in dem beschaulich schmucken „Lutherhaus“ unten im heimeligen Städtchen kann der Besucher darüber nachsinnen. Die Bandbreite ist groß, oben geht es um die Wirkung seiner Gedanken, die Vereinnahmung durch Schwärmer wie Thomas Müntzer und dessen Gegner, durch die Fürsten, und den Missbrauch durch die Nazionalsozialisten, unten geht es um das Umfeld seiner Schulzeit und seiner jugendlichen Entwicklung.

Dazwischen Erfurt, die  Studentenzeit, die glücklichste Zeit seines Lebens, wie Luther einmal sagt und die Zeit als suchender, oft verzweifelter Mönch. Diese Stadt, in der das ausgehende Mittelalter wie konserviert erscheint, mit dem Ensemble von Dom und Severi-Kirche, der Predigerkirche, in dem noch der berühmte Mystiker Meister Eckard gepredigt hat, mit der Krämerbrücke, der einzigen bebauten Brücke nördlich der Alpen und schließlich dem Augustinerkloster, diese Stadt ist wie ein offenes Buch, das zum Miterleben geradezu auffordert.

Wittenberg war ein verschlafenes Nest bevor es Luther in die Weltgeschichte katapultierte, er und Melanchton begründeten den Ruhm der Universität, die Reformation formte es zum Rom des Nordens für die Protestanten. Nun ist die Schlosskirche nicht gerade mit dem Petersdom zu vergleichen, doch nur bei ihr prangen die in Bronze gegossenen 95 Thesen auf der Kirchentür, die immerhin an den Fundamente des Vatikans gerüttelt hatten. Schön übersichtlich ist das Städtchen, aufgereiht an der langen Hauptstraße liegen dann die Stätten, zu denen die „Pilgerreise“ geführt hat: die Schloss- und die Marktkirche, Luthers Wohnung im ehemaligen Augustinerkloster, Melanchthons Haus und nicht zu vergessen die Werkstätten von Cranach, dessen Bilder und Drucke die Reformation beflügelt haben.
Eisleben, Anfang und Ende, Geburt und Tod, damit kann sich das kleine beschauliche Städtchen rühmen. Martin getauft in der Stadtkirche, dann aber schon bald, nur ein halbes Jahr alt, mit den Eltern nach Mansfeld gezogen. Alt und krank wie vom Schicksal bestimmt wieder nach Eisleben, um dort zu sterben. Man schaut in die Gesichter der Eltern, man sieht die Strenge des Vaters, man schaut auf das Bild des Toten, aufgebahrt, im Reinen mit seinem Glauben gestorben. Hier schließt sich der Kreis.

Etwas allerdings bleibt übrig, etwas Wichtiges, der Blick auf „Herrn“ Käthe, auf Katharina von Bora, die geflohene Nonne, die sich den Martin Luther ausgeguckt und ihn auch bekommen hat, was wäre er ohne sie geworden? Ein verlotterter Hagestolz, ein polternder,  unwirscher Kerl, ein Mann, der nie mit seinem Geld zurecht gekommen wäre. Ohne ihre ordnende Hand wäre vieles schief gelaufen. Zwar war es bei ihm nicht Liebe auf den ersten Blick, aber dann blühte sie auf, die Kinder kamen und schließlich hat er sie sogar im Testament als Alleinerbin und Vormund dieser Kinder eingesetzt, für damalige Verhältnisse unerhört. In ihrer Wittenberger Wohnung war sie immer präsent, wohnte sogar den berühmten Tischgesprächen bei, auch das damals unerhört.
Auch nach seinem Tod erkämpfte sie sich mutig ihre Freiheit, sie starb auf der Flucht vor der Pest in Wittenberg in Torgau, wo man ihr im Sterbehaus die einzige Gedenkstätte errichtet hat. In der Marienkirche ist sie begraben, an der Wand das anrührende Grabbild. 

Kann man die Bandbreite eines solchen prallen Lebens auf einer Reise erfassen? Unsere Leserreisengruppe hat es versucht, es war anstrengend, aber es hat sich gelohnt. Die Eindrücke war überwältigend, sie müssen noch verarbeitet werden, die Bilder werden bleiben, so intensiv waren sie, und Spaß hat es auch gemacht, viel Spaß und Freude.

Torsten Gerhardt