Reisebericht Kappadokien

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UNESCO Weltkultur- und Weltnaturerbe

Im Land der schönen Steine

Die Perser nannten es „Land der schönen Pferde“ (Katpatuka). Für uns heute ist es eher das Land der schönen Steine: Kappadokien.

03.03. - 11.03.2016

Reisebericht

Leser der Kieler Nachrichten und Segeberger Zeitung erkundeten die bizarre Mondlandschaft in der Mitte der Türkei per Bus, zu Fuß und aus der Luft.

Mitten im Hochland Zentralanatoliens ragen sie in den Himmel, die charakteristischen Pilze und Zipfelmützen aus weichem Tuffstein. In der Bronzezeit haben Menschen angefangen, darin Höhlen zu graben und die wohl seltsamsten Siedlungen der Erde zu schaffen. Teils unter der Erde, teils darüber. Und bisweilen in einer Gestalt, als ob sie der österreichische Künstler und erklärter Gegner der geraden Linien Friedensreich Hundertwasser geschaffen hätte. Nur die bunten Farben fehlen.

Das Freiluftmuseum in Göreme mit seinen christlichen Felsenkirchen samt mehr oder minder gut erhaltener Fresken führt seine Besucher etliche Jahrhunderte zurück in die Vergangenheit. Die etliche Stockwerke in die Tiefe führende Höhlenstadt in Özkonak veranschaulicht, wie bis zu 60.000 Menschen hier einst Schutz fanden. Noch heute erfüllen die Hohlräume im Tuff Kappadokiens einen Zweck. Hotels entstehen in ihnen, und Nonkonformisten aus aller Welt graben sich ihre Traumwohnung in die Felsen. Außerdem gelten die Höhlen als größter Kühlschrank der Türkei, was sich im vergangenen Jahr gierige Kaufleute zu Nutze machten und Unmengen von Kartoffeln einlagerten, um den Preis für die Knolle in die Höhe zu treiben.

Bis in den Himmel führte die Teilnehmer der Reise übrigens ein Erlebnis, das noch vor Sonnenaufgang begann und vor allem aus heißer Luft besteht: eine Ballonfahrt über die Feenkamine Anatoliens. Zwischen 70 und 90 Ballone starten bei geeignetem Wetter jeden Tag in und um Ürgüp. Die Piloten steuern ihre Körbe, die bis zu 20 Personen fassen, mal nach oben und mal nach unten, wo sie bisweilen sogar die Wipfel der Aprikosenbäume streifen. So spektakulär die Fahrt bis etwa 700 Meter über der Erde ist, so beeindruckend wirkt auch die Landung: Auf wenige Zentimeter genau setzen die Piloten ihre Gefährte auf Anhängern ab, die über Funk an die entsprechenden Orte geordert werden.

Steine gab es auf der Leserreise aber nicht nur in Kappadokien zu sehen, sondern auch in Antalya am Mittelmeer. Alte Steine in der antiken Stadt Perge zum Beispiel, und teure Steine in einer Schmuckfabrik, deren Besuch zum Standardprogramm einer Türkeireise ebenso zu gehören scheint wie die Visite einer Ledermanufaktur und einer Teppichknüpferei. Verkäufer gibt es hier nicht, nur Experten. Davon aber reichlich. Sie widmen sich den Besuchern manchmal sogar zu zweit und rollen edle Seiden- oder Wollteppiche mit einem Plopp auf dem Boden aus, der an das Schließen der Autotür einer Luxuskarosse erinnert.

Seit der damalige Ministerpräsident Turkut Özal begann, den Tourismus an der türkischen Riviera zu fördern, boomt der Ort. Antalya verzeichnet heute einen Bevölkerungszuwachs von 18 Prozent pro Jahr. Frauen mit Kopftüchern oder gar Burkas sind hier eher die Ausnahme. Im Unterschied zu Konya etwa, auf halber Strecke zwischen Antalya und Kappadokien gelegen und eine Hochburg der derzeitigen Regierungspartei AKP unter Recep Tayyip Erdoğan. Bekannt ist die Stadt vor allem durch das Grab des Ordensgründers Mevlana und seine Derwische, die sich bei ihren religiösen Zeremonien bis zur Ekstase drehen.

Immer weniger Besucher wollen die wirbelnden Ordensbrüder jedoch sehen. Der Tourismus darbt zurzeit in Kleinasien. Der Krieg in Syrien, Terroranschläge und das Dekret des russischen Staatspräsidenten Putin an die Tourveranstalter seines Landes, keine Reisen mehr in die Türkei anzubieten, hat das Gästeaufkommen um ca. 40 Prozent reduziert.
Den Teilnehmern der Leserreise war es recht. Keine Schlangen vor den Sehenswürdigkeiten und viel Muße, die Schärfen und Süßigkeiten der türkischen Küche zu erschmecken. Und die bietet wesentlich mehr, als simple Dönerbuden es erahnen lassen. Ein Kilo plus auf der Waage bezeugen es.

Dr. Manfred Gothsch