Reisebericht Columbus 2

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Mit dem Schiff durchs Mare Baltikum

Schiffe bewegen sich relativ langsam über die Meere. 15 Knoten, knapp 28 Kilometer pro Stunde, gelten da schon als hurtig. Wenn ein Dampfer trotzdem fast jeder Tag in einem anderen Land festmacht, ahnt der erfahrene Kreuzfahrer wahrscheinlich schon, wo der Törn stattfindet – auf der überschaubaren Ostsee. Sieben Metropolen in sieben Ländern mit insgesamt fünf Währungen und drei Zeitzonen besuchten Leser der Kieler Nachrichten mit der "Columbus 2" in zwölf Tagen.

16.06. - 28.06.2013

Reisebericht

Kiel

Das Stakkato aus Eindrücken und Begegnungen begann in Kiel und führte über Kopenhagen, Riga, Tallinn, Sankt Petersburg, Helsinki, Stockholm und Danzig zurück in den Ausgangshafen. Für den Berichterstatter bleiben angesichts kurzer Aufenthalte und der bereits vorhandenen Literatur-Menge über diese Metropolen nur Schlaglichter – abseits der Reiseführer und sehr persönlich.

Kopenhagen (170 Seemeilen seit Kiel)
Was den Holländern ihr fiets, ist den Dänen ihr cykel. Schon heute gibt es in Kopenhagen angeblich mehr Fahrräder als Einwohner. Was also liegt näher, als sich ein Zweirad zu leihen und im Sattel die königliche Hauptstadt zu erfahren. Durch die einstige Sozialsiedlung Nyboder mit ihren gelben Reihenhäusern, in der die Bewohner einst nur über Seile in den ersten Stock gelangten, vorbei an der mit Beton gefüllten und so gesicherten Kleinen Meerjungfrau und den drei Busladungen Chinesen drumherum, zum Stichkanal Nyhaven, dem Turi-Treff der Stadt, bis hinüber auf die andere Seite des Hafens ins Hasch- und Peace-Quartier Christiania. Eine Mischung aus Idyll und Müll. Hier wohnen Bohèmiens und Drogies, treffen sich Suchende und Gesuchte. Wer zur Kamera greift, wird geschuriegelt. Knipsen nicht erwünscht. Aber ohne Zweifel einen Besuch wert.

Riga (664 Seemeilen seit Kiel)
Fünf Stunden Liegezeit in Riga. Die Altstadt der lettischen Hauptstadt gehört zum Unsesco-Weltkulturerbe. Zu recht. Selbst wenn etliche Fassaden auch heute noch renovierungsbedürftig sind. Richard Wagner hat hier als Kapellmeister gearbeitet, Johann Gottfried Herder als Lehrer an der Domschule gewirkt. Nach dem ersten wurde eine Straße benannt, für den zweiten eine Statue aufgestellt. Durch die Maschen des Denkmalamtes ist bis heute ein Dichter gefallen, der im Bundesdeutschland der 50er und 60er Jahre für schelmische Heiterkeit sorgte: Heinz Erhard. Am 20. Februar 1909 wurde er in Riga geboren. Darauf ein Gläschen Schwarzen Balsams - eine Mixtur aus mindestens 34 Kräutern, die gegen alles helfen soll. Nur nicht gegen Liebeskummer und Alkoholismus.

Tallinn (955 Seemeilen seit Kiel)
Die estnische Partnerstadt Kiels ist das Rothenburg des Baltikums. Das Mittelalter hat hier architektonisch bis heute überlebt. Die Gassen der Altstadt sind so eng, dass die meisten Autos rückwärts wieder heraus fahren müssen. Aber ein Andenkenlädchen passt immer noch hinein. Das estnische Wörtchen Suveniirid erhält hier eine polyglotte Dimension: regalos, cadeaux, souvenirs - keiner kommt an den unzähligen Bernsteinketten, Porzellanfiguren und bestickten Leinenservietten vorbei. Ein mittelalterlich befackeltes Restaurant lockt zur Pause. Die Einkehr lohnt. Nicht nur wegen des salzigen Herings mit Wachtelei und Kaviar obendrauf, sondern auch, um einen Tonkrug Kräuter-, Honig- oder Zimtbier zu probieren. Oder auch alle drei Sorten hintereinander.

Sankt Petersburg (1149 Seemeilen seit Kiel)
Auch wenn die Liegeplätze für die Musikdampfer hier fast mitten in der Stadt liegen, ist ein Landgang in „Pieter“, wie Einheimische angeblich ihre Stadt verbal kosen, nicht so einfach. Als einziges der besuchten Länder verlangt das Putin-Reich nach wie vor ein Visum und nimmt es mit der Passkontrolle ziemlich genau. Selbst die Andeutung eines Lächelns scheint den Grenzern unter Androhung eines längeren Sibirien-Aufenthaltes verboten zu sein. Ähnlich starr geben sich die vielen Aufpasserinnen in den himmelblauen oder lindgrün gestrichenen Palästen und Museen. Wachsam beäugen sie die vorbeiziehenden Besucherscharen. Der Andrang in der Ermitage zum Beispiel führt dazu, dass sich sogar vor den Männerklos Warteschlangen bilden. Meist ist dies ja nur Damentoiletten zu beobachten. Herzerfrischend die Begegnung mit einem frisch vermählten Hochzeitspaar, das nach der Trauung im vollen Ornat mit Familie und Freunden im Schlepptau an der Newa entlang spaziert, vor dem Denkmal Peter I. für ein Foto posiert und sich auf den Zuruf "bitter" wieder süß küssen muß.

Helsinki (1332 Seemeilen seit Kiel)
Wer sein Geld in Immobilien anlegen möchte, sollte auf alle Fälle nach Helsinki kommen. Hier werden Grundstücke nämlich nicht nur teurer mit der Zeit, sondern auch größer! Rund drei Millimeter pro Jahr heben sich die kleinen Inseln vor der finnischen Hauptstadt immer mehr aus dem Meer. Allen Unkenrufen über abschmelzende Eiskappen an den Polen zum Trotz.

Stockholm (1577 Seemeilen seit Kiel)
Hier ist der Weg bereits das Ziel. Das Kreuzen im Schärengarten vor der schwedischen Hauptstadt weckt Sehnsüchte. Das kleine Eiland da vorn zum Beispiel mit dem roten Holzhaus und eigenem Bootssteg – ja, das könnte uns gefallen. Über 30.000 Sommerhäuser soll es im Inselreich vor Stockholm geben. Und über 50.000 Boote. Wasser ist Leben, heißt es. Hier sieht man das. Die "Columbus 2" macht direkt vor der Altstadt fest. Was für ein Kontrast zur Schärenwelt: brausender Autoverkehr, stets ab- und anrufbereite Menschen mit einem Handyknopf im Ohr und großstädtische Einkaufsstraßen. Selbst Ihre Majestäten wissen den Kommerz zu schätzen. Im Souvenirshop des Schlosses lassen sich königliche Topflappen für 13 Euro erstehen. Und wer noch nicht wissen sollte, wie Königin Silvia riecht, kann zur kronenverzierten Veilchen-Seife greifen. Macht acht Euro. Dazu rieselt als Begleitmusik "Money, money, money" von Abba aus den Lautsprechern. Humor haben sie ja, diese Schweden.

Danzig (1920 Seemeilen seit Kiel)
Bei Kriegsende lagen 90 Prozent der Danziger Innenstadt in Schutt und Asche. Doch Hitler-Diktatur und anschließende Sowjetherrschaft zwangen die Polen nicht in die Knie. Unzählige Gebäude erstrahlen wieder im alten Glanz. Wer die rund 300 Stufen zum 82 Meter hohen Rathausturm nicht scheut, erschnauft sich einen eindrucksvollen Panoramablick. Unten vor dem Artushof bekundet der Neptunbrunnen den in Bronze gegossenen Einfluss der katholischen Kirche im Land. Die Glaubenshüter konnten immerhin durchsetzen, dass das Gemächt des im Krieg ausgelagerten Meeresgottes nicht mehr in bloßer Pracht zu sehen ist, sondern heute züchtig von einem Fisch bedeckt wird.

Nach insgesamt 2281 Seemeilen oder 4224 Kilometern lief die „Columbus 2“ dann wieder in Kiel ein. Schade. Wir wären gern noch länger an Bord geblieben.